Geschichte (2)

Warum und wie der Spielverein „Hansa“ Buer-Scholven seinen Namen erhielt

Verein – Geschichte

Von Willy Bernsmann

An anderer Stelle habe ich heute schon erwähnt, dass der Spielverein Hansa-Scholven ursprünglich, also bei der Gründung, den Namen „Ballspielverein 1919 Buer-Scholven“ getragen hat. Kaum einer der heutigen Hanseaten dürfte sich große Gedanken darüber gemacht haben. Kaum einer der jetzigen Mitglieder mag noch verbürgte Einzelheiten dazu wissen, oder meinen, das sei ein unwichtiges Kapitel.

Ich bin anderer Ansicht, denn wie oft in den vielen Jahren wurde und wird der Name „Hansa“ gesprochen oder geschrieben, gedankenlos benutzt, ohne die Frage sich vorzulegen: Was heißt „Hansa“ und wieso wählte die Scholvener Sportgemeinde diesen Namen für ihre Gemeinschaft? Ich bin der Ansicht, dass der Verein wichtig und bedeutend genug ist seinen Namen, dessen Bedeutung und die Umstände, welche zu dieser Namenswahl geführt haben, zu behandeln und als Kapitel der Vereinsgeschichte für die NachweIt festzuhallen. Das möchte ich an dieser Stelle tun, zumal in der Vergangenheit einige unrichtige Quellen und Versionen laut geworden sind. Darum die nachfolgende Schilderung, für deren Richtigkeit (außer Daten) ich mich verbürge.

Fast alle in den Jahren 1919/20 gegründeten Fußballklubs (die Betonung lag auf Fußballsport, denn an die Pflege der Leichtathletik oder anderer Sportarten dachten diese Vereine noch nicht) nahmen zunächst den Namen „Ballspielverein“ an. Die z. B. in den gleichen Jahren gegründeten benachbarten Vereine Hassel, Marl, Rentfort Holsterhausen und viele andere nannten sich alle „Ballspielverein“. Das war für den zunehmenden Verkehr der Vereine untereinander aber nicht nur eintönig, sondern die Namengleichheiten führten manchmal zu – allerdings meist harmlosen – Verwechslungen. Eine Verwechslung war es auch, die uns den Verlust des Namens „Ballspielverein 1919“ kostete. Und diese ganz besondere und eigenartige Verwechslung war so komisch, dass sie nicht nur vereinsgeschichtlich wichtig, sondern auch hochinteressant ist.

Umso lieber erzähle ich sie:

Wir hatten soeben die B-Klassenmeisterschaft errungen (1921 oder 1922) und unsere 1. Elf war für Freundschaftsspiele schon ein etwas gefragter Gegner. Wir folgten damals einer Einladung eines Mülheimer Vorortvereins, er mag Mülheim-Broich 48/96 oder so ähnlich geheißen haben. Wie das damals so üblich war, reisten wir mit sämtlichen Mannschaften und Schlachtenbummlern per Eisenbahn. Übrigens noch jeder auf eigene Rechnung bezüglich Reisekosten und Kosten der Verpflegung, und nicht – wie es später und heute allgemein üblich ist – per Super-Luxusbus – einschließlich Zehrgeld auf Kosten der Vereinskasse. In Mülheim wurden wir im Bahnhof empfangen und zu einem Vereinsheim geleitet. Dieses Vereinsheim übertraf in seiner Zweckmäßigkeit und Schönheit all unsere Erwartungen. Noch schöner war aber der Mülheimer Sportplatz mit gepflegter Rasenspielfläche, und sogar eine Tribüne war vorhanden. Einen noch größeren Eindruck machte die ungewöhnlich zahlreiche Zuschauermenge (etwa 2500) auf uns. Es war unser erstes Spiel auf einem derart schönen Sportplatz und vor einer solch großen Zuschauermenge. Unser Kassierer schmunzelte ganz groß, denn die finanzielle Vereinbarung lautete auf 50:50 der Einnahme.Er fand es darum wenig tragisch, dass unsere unteren Mannschaften vorweg mit haushohen Packungen versehen waren. Es sollten aber noch zwei dicke Überraschungen folgen.

Die erste Sensation: Unsere 1. Elf spielte ein großes Spiel und lag bei Halbzeit 2:0 in Führung. Dann stellte sich aber heraus, dass wir bei diesem Verein buchstäblich an die falsche Adresse geraten waren. Unser Gegner war gar nicht der Verein, gegen den wir spielen sollten, sondern der Spielverein Mülheim 07, deren 1. Mannschaft eine führende Rolle in der Niederrhein-Liga führte! Aber das Spiel musste weitergehen. Wenn auch mit großen Hemmungen unsererseits nach Wiederanstoß, erzielte Mülheim zunächst ein reguläres Tor, und erst wenige Minuten vor Schluss aus einem Handelfmeter (verschuldet von Köbes Skoruppa, der darüber beinahe richtiggehend geweint hat) nur den Ausgleich.

War das keine Sensation? Nun die nächste Sensation: Unser „verpasster“ Gegner (Mülheim 48/96?) hatte – auch irrtümlich – einen falschen Gegner empfangen, der auch „Ballspielverein“ hieß und auch aus Buer war, aber die Jahreszahl „07“ führte. So waren die Rollen der beiden Ballspielvereine aus Buer vertauscht worden! Dass wir die besseren Ergebnisse, sowohl finanziell wie auch sportlich mit dem 2:2 gegen eine Ligaelf erzielt hatten, wurde von den Verbandsbehörden, die sich später mit diesem „Fall“ ernsthaft beschäftigten, ebenso bestaunt wie auch belacht. Wir hatten einen überragenden Erfolg gegen eine Ligaelf und eine – für unsere Begriffe – schwere Kasse mit nach Hause genommen.

Unser Namensvetter, der BV Buer 07, war dagegen nicht so günstig dabei abgekommen. Ich muss aber auch hier wieder hervorheben, dass der damalige Vorstand des großen BV Buer 07 über diese Angelegenheit nicht kleinlich und rücksichtslos dachte und handelte, sondern großzügig und sportlich. Ein Wesenszug, der schon damals selten anzutreffen war. Unser Kassierer – ich glaube, es war Karl Urbanski, hatte sich mit seinem selten guten Einnahmeanteil natürlich längst aus dem Staube gemacht (welcher Kassierer hätte das nicht getan?), aber das Verbandsgericht legte uns auf, sehr bald unseren Vereinsnamen zu ändern, um weiteren Vereinsverwechslungen vorzubeugen. Das haben wir dann auch in einer besonderen Generalversammlung besorgt. Zunächst wurde beschlossen, dass nur ein neuer, möglichst seltener Vereinsname beschlossen werden sollte. Mein Gott, welch seltene und komische Namen kamen in der bewussten Generalversammlung zum Vorschlag:

Einigkeit“ und „Heideröschen“ oder „Edelweiß“, „ln Treue fest“ oder „Germania“ oder „Harmonie“, „Teutonia“ und „Kickers“ und viele a. m. Es war sehr lustig. Ich freue mich heute noch darüber. Bei so viel Fröhlichkeit hatte ich (ich war bereits Geschäftsführer des Vereins) fast gar nicht mehr den Mut, den ernsten Vorschlag des in Scholven unbekannten, aber sehr ernsten Namen „Spielverein Hansa Buer-Scholven“ auszusprechen. Ich tat es trotzdem und habe dann den Namen „Hansa“ und seine geschichtliche Bedeutung erläutert und begründet.

Ich sagte, dass die Hansa im Mittelalter eine große geschichtliche Bedeutung gehabt habe und der Name „Hansa“ uns als gutes Zeichen der Unternehmungsfreudigkeit des Fleißes und Fortschrittes dienen könne. Nicht jeder Scholvener Sportsfreund wollte sogleich daran glauben, dass wir, wenn wir unserem hoffnungsvollen Sportverein diesen Namen gaben, er auch die gleiche Weltgeltung erlangte, wie jene Hanseaten des Mittelalters aus Hamburg, Lübeck und Bremen, aber ich habe in der Abstimmung doch die satzungsgemäße Zweidrittelmehrheit erlangt und seitdem… ja, seitdem heißt die Gemeinschaft der Sportfreunde in Scholven: „Spielverein HANSA Buer-Scholven“ . Und nicht anders. Für die Richtigkeit dieser sehr verspäteten Urkunde:

Willy Bernsmann
dazumal 1. Geschäftsführer des BV
(jetzt SV Hansa)
Buer-Scholven